Zwischen Alltag und Ausnahmezustand

Der persönliche Blick auf Israel ist ein verlockendes Angebot des ehemaligen ARD Studioleiters und Chefkorrespondenten in Israel, Richard C. Schneider. Ganze neun Jahre verbrachte und berichtete Schneider in dem kleinen Land zwischen Jordan und Mittelmeer. Doch liefert er uns einen Blick, der sich von den einführenden und beschreibenden Bücher über Israel unterscheidet?

Richard C. Schneider: Korrespondent

Das Vorwort habe ich begeistert gelesen. Es ist für mich ein frischer und persönlicher Blick. Diese Perspektive jenseits des abwägenden und an viele Konventionen gebundenen Journalisten habe ich in diesem Buch erwartet. Richard Chaim Schneider, Kind von Holocaustüberlebenden, war von 2009 bis 2015 Korrespondent der ARD in Israel. Ich habe viele seiner Beiträge gesehen und mich hin und wieder gewundert. Mal fand ich etwas zu einseitig, mal etwas zu wenig drängend. Insgesamt allerdings hatte ich den Eindruck, dass Schneider ein kritischer Journalist ist, der zwar abwägend aber dennoch kritisch berichtete. Diese Perspektive habe ich sehr geschätzt. Daher fand ich es schade, als er, der Politik der ARD folgend, 2015 nach Rom geschickt wurde. Für die Israelberichterstattung war dies ein Bärendienst.

Umso mehr hat mich die Ankündigung seines Buches gefreut, nun könnte ich seine Sicht der Dinge kennen lernen. Das ist auch möglich. Aber… Dieses aber hat mich etwas hadern lassen. Schneider führt viele sehr grundlegende Themen ein und erklärt viele basale Dinge zu Israel. Schneider und sein Verlag müssen wohl davon ausgehen, dass sein Buch von Menschen gelesen wird, die von Israel keine oder wenig Ahnung haben.

Allgemeinheiten

Nach einer Einführung zu „den Israelis“, den prägenden Traumata und Charakteristika geht Schneider auf 4 große Themen ein. Er spricht erstens über gesellschaftliche Verwerfungen, zweitens über Benjamin Netanjahu, drittens über die Palästinenser und viertens über Antisemitismus. Die Gliederung ist mir einerseits klar, andererseits habe ich mich teilweise gefragt, wieso bestimmte Abschnitte Eingang in sein Buch fanden, da sie nicht seinen Blick auf Israel wiedergaben oder ich habe es nicht verstanden. Insbesondere beim Kapitel zum Antisemitismus ist mir dies aufgefallen. Es ist ein wichtiges Thema, doch fehlte mir manchmal der Rückbezug zu seiner Tätigkeit als Journalist und wie dies mit seiner Perspektive auf Israel zu tun hat. Das Kapitel berichtet über die BDS-Bewegung, über linken und auch bürgerlichen Antisemitismus. Räumlich liegt der Fokus hier auf Europa. Gerade hier fehlt mir die Verbindung zum Versprechen, Richard Schneiders Blick auf Israel zu lesen.  Deshalb liest sich das Buch streckenweise eher wie Schneiders Buch zum Thema Israel. Es könnte ein Vermarktungsproblem sein. Schade ist es dennoch. Denn inhaltlich ist es gut und gehaltvoll was Schneider beschreibt.

Moderne und Tradition

© DVA / Random House

In seinem Kapitel zu den gesellschaftlichen Trennunglinien geht er auf Jerusalem und Tel Aviv ein und auf die Gleichzeitigkeit von „Steinzeit und Start-up“. Dabei wird Jerusalem als religiöse Stadt gezeichnet, in der eine religiöse „vor-moderne“ Lebensweise vorherrscht. Tel Aviv wird als dessen Gegenteil präsentiert: Offen, modern, jung und hipp. Schneider hat das Thema wirklich spannend aufbereitet, aber es gibt schon seit Mitte der 1990er Bücher zum Thema Gleichzeitigkeit von „Moderne und Tradition“. Ein bekanntes Beispiel dafür wäre Jihad vs. McWorld von Benjamin Barber. Und für Israel hat dies der Soziologe Uri Ram in The Globalisation of Israel: McWorld in Tel Aviv, Jihad in Jerusalem 2008 vorgeführt.

Insofern sind Schneider Ausführungen zwar wirklich gut zu lesen, übrigens auch eine Stärke des Buches, doch für eine Einführung in die israelische Geschichte oder Gesellschaft sind dann doch andere Bücher zu empfehlen (Bspw. Air Shavits Mein gelobtes Land oder Natan Sznaiders Buch zur israelischen Gesellschaft. Für die sehr Interessierten gäbe es auch noch das Handbook of Israel).

Schneider schafft es dennoch regelmäßig seine Geschichten einzuweben, die das m.E. Altbekannte gut oder manchmal auch neu illustrieren. So bringt er auch Aspekte für erfahrenere Lesende zum Thema ein. Außerdem und das ist erstaunlich, bezieht Schneider klar Stellung und „outet“ sich als (links-)liberaler Autor. Das wird insbesondere deutlich, wenn er seiner Angst um die israelischen Demokratie Ausdruck verleiht. Insbesondere das rechte Establishment, die säkularen Rechten wie Ministerpräsident Netanjahu hält er für Gefährder der Demokratie.

Benjamin Netanjahu

Überhaupt Netanjahu. Schneider widmet dem aktuellen Ministerpräsidenten ein ganzes Kapitel. Dies macht deutlich für wie wirkmächtig und auch gefährlich Schneider ihn hält. Darüberhinaus begleitete Netanjahu Schneider oder Schneider Netanjahu, ganz nach Standpunkt, in seiner gesamten Zeit als Korrespondent.

In seinem Kapitel zu Netanjahu bezieht Schneider klar Stellung. Deutlicher als er es als Korrespondent je getan hätte. Doch trifft er einen Nerv. Insbesondere Schneiders Hinweis auf das ideologische Umfeld, vor allem die Prägung durch seinen Vater Benzion Netanjahu, auf den in der sonstigen Literatur äußerst selten verwiesen wird. Es ist momentan wohl eine der treffendsten Analysen Netanjahus, die wir auf deutsch lesen können. Schneiders Einschätzungen, kann ich in der Regel nur zustimmen.

Schneider gibt uns also tatsächlich seine Perspektive auf Israel. Er reichert sie mit (mehr oder weniger) bekanntem Hintergrundwissen an. Wirklich spannend für mich war es immer dann, wenn Schneider erzählt, aus seinem Leben, aus seiner Praxis. Hier liegen die deutlichen Stärken des Buches.

Fazit

Richard C. Schneider legt ein spannendes Buch vor, das aber nicht immer hält was es verspricht. Oft ist es ein allgemeines Buch zu Israel, ohne das immer klar wird, wozu diese allgemeinen Ausführungen dienen. Manchmal schweift Schneider ab. Doch wirft das Buch einen guten Blick nicht nur auf Israel, sondern auch auf die deutsche Gesellschaft mit ihrem verdeckten Antisemitismus und auf die Arbeit eines Journalisten vor Ort. Besonders beeindruckend, aber v.a. wichtig ist das letzte Kapitel zum Thema: „Kann man als Jude überhaupt objektiv über Israel berichten? Ein sehr deutsches Problem.“ Hier räumt Schneider einerseits mit den Vorurteilen auf, die ihm immer wieder begegnet sind und benennt diese auch. Andererseits schweift Schneider in der Hälfte des Kapitels ab und es wird zunehmend zu einem Abschluss bzw. Fazit.

Doch die Klarheit von Schneiders Worten in diesem letzten Kapitel sind erfrischend und sollten auch viele Kolleg_innen im Journalismus erreichen.

Wer sich also für Israel und insbesondere für die Einschätzung eines langjährigenKorrespondenten vor Ort interessiert, sollte dieses Buch auf jeden Fall lesen. Trotz kleiner Kritik ist es zu empfehlen.

Richard C. Schneider: Alltag im Ausnahmezustand. Mein Blick auf Israel. DVA Sachbuch, 304 Seiten. ISBN: 978-3-421-04329-0.

Kurzrezensionen zu meiner Roman-Leseliste

Vor dem Sommer veröffentlichte ich eine kurze Liste mit Bücher, die ich lesen wollte. Von den fünf Romanen habe ich mittlerweile vier geschafft. Das habe ich mal als Anlass genommen fünf knappe Eindrücke dieser erschreckenden, stimmungsvollen oder entspannenden Bücher aufzuschreiben. Von Krieg, Erinnerung über Utopie und Krimi ist ales dabei. Los geht’s.

1948

© Aufbau Verlag

Yoram Kaniuk bringt den Krieg 1948 in Israel / Palästina ganz nah. Aus der Perspektive eines jungen israelischen Soldaten wirft Kaniuk einen ungeschönten und überraschenden Blick auf den Staatsgründungskrieg Israels. Es ist ein Buch über den Krieg und auch gegen den Krieg. Er bleibt fragmentarisch wie die Erinnerung und das macht diesen Roman noch eindrücklicher und packen. Er ist hervorragend geschrieben und erschütternd. Unbedingt lesen! 

Monster

© Kein & Aber Verlag

Dem Krieg von 1948 in der Levante ging ein größerer voraus: Der Zweite Weltkrieg mitsamt des Holocausts. Im Zentrum der kleinen Romans Monster steht die Erinnerung an die Shoa, d.h. den industriellen Völkermord an den europäischen Juden. Der Roman nimmt die Form eines langes Briefes bzw. Berichtes an, bei dem ein promovierter israelischer Historiker, der in Polen als Guide israelische Gruppen durch ehemaliger Vernichtungslager führte, seinem Vorgesetzten, dem Leiter der Gedenkstätte Yad VaShem, von seiner Arbeit schreibt. Seine Familie lebt in Israel und er pendelt ständig hin und her. Die Erinnerungsarbeit und das Verhalten der Gruppen machen den Guide fertig. Yishai Sarids Buch ist ein verstörender und tiefer Einblick in das Monster der Erinnerung und seiner massenhaften Reproduktion. Es ist keine angenehme Lektüre, aber dennoch sehr zu empfehlen.

Miami Punk

© S. Fischer Verlag

Juan S. Guse stellt uns eine Alternative Zukunft vor, in der sich der Ozean vor Miami zurückgezogen hat. Was macht das mit der Stadt und seinen Bewohner:innen? Vor dieser Kulisse lässt Guse unterschiedliche Personen von der IT’lerin bis zum deutschen Gaming-Team auftreten und ihre Erfahrungen sammeln. So verdichtet, erzeugt Guse eine unglaublich intensive Stimmung. Er schafft dies, so wie auch in seinem ersten Buch Lärm und Wälder, ganz hervorragend. Wer wissen will, was genau passiert, sollte zu diesem knapp 700 Seiten greifen – es lohnt sich.

Invisible Man

© Pingiun Books

Auf dieses Buch bin ich zwar immer noch gespannt, aber in diesem Sommer habe ich es nicht geschafft. Ich habe es erst aufgeschoben und mich dann doch für andere Bücher entschieden (Rezensionen kommen noch). Zwischendurch kriegen ich diesen englischen Wälzer nicht eingeschoben. Ich habe es also erstmal aufgeschoben. Zu meiner Schande gestehe ich: nicht gelesen! 

Bretonisches Vermächtnis

© Kiepenheuer & Witsch

Auf dieses Buch habe ich mich gefreut und ich habe es verschlungen. Leider war ich zu schnell und nach zweieinhalb Urlaubstagen hatte ich das Buch ausgelesen. Der Krimi ist eine gute Fortführung der Reihe, auch wenn ich den Klappentext etwas übertrieben fand und die Auflösung mit ein klein wenig enttäuschte. Dennoch kam nicht nur dieses Urlaubsgefühl bei mir auf sondern auch der Genuss guter, etwas literarisierter leichter Unterhaltung. Wer Frankreich, Krimis oder die Reihe mag, sollte hier einmal reinlesen. Sehr empfehlen kann ich auch den Vorgänger Bretonische Geheimnisse.

Habt ihr eines der Bücher gelesen oder konnte ich Euch dazu anregen? Über Feedback freue ich mich selbstverständlich ebenso wie über eine gute Diskussionen zu einem oder mehreren dieser Bücher! Bis dahin, bleibt mir gewogen!