SchlagwortKapitalismus

Coronazeit = Lesezeit

Vieles ist anderes als sonst. Neben der Arbeit und dem abgesagtem Urlaub, versuche ich zu lesen. Bücher, die ich bisher aufgeschoben habe oder sich jetzt aufdrängen. In diesem Sinne habe ich in der letzten Zeit 5 Bücher gelesen, die ich kurz und knapp inklusive meinem Leseeindruck vorstellen möchte. Thematisch spanne ich den Bogen von der Gartenarbeit über Eichhörnchen bis hin zur Geschichte des Kapitalismus und Alternative dazu.

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Angolanische Betrachtungen III

Armut ist abzuschaffen. Darin sind wir uns wohl einig. Wahrscheinlich nicht, denn nur mit der Armut der einen haben wir unser Leben begründet. Egal ob lokal, regional oder global. Das Prinzip ist immer dasselbe. Trotz des Fahrstuhleffektes. 

Wir kennen Armut. Wir sehen sie, in der Stadt und auf dem Land. Wir sehen Menschen im Mülleimer suchen. Doch die Art von Armut, die ich aus dem Auto heraus sehe, an der ich vorübergehe, habe ich so noch nicht gesehen. Die theoretischen Modelle relativer und absoluter Armut sind Begriffe. Abstrakte Gebilde um etwas zu beschreiben, dass die meisten, die sie benutzen nie erfahren haben. Mich eingeschlossen. Hier, vor meinen Augen, das ist absolute Armut, im wahrsten Sinne des Wortes Müll essen. Der Armut ausgelieferte Menschen, offenbar ohne Hilfesysteme. Armut, die ich, die wir mit produziert haben. In Geschichte und Gegenwart. Es ist so leicht zu verdrängen. Es tut gut, es zu verdrängen. Doch bahnt sich der Gedanken seinen Weg immer wieder in das Bewusstsein. Jetzt noch direkter, physischer, klarer als jemals zuvor.

Angolanische Beobachtungen II

Während wir am frühen Morgen über die leere Straße an der Bucht entlang gehen, fällt mir auf, dass in dieser schwülen Hitze, mein Jutebeutel nur die Hipstervariante der Nettotüte meiner Eltern ist. Während die Sonne die Abfälle im Container nur Gammeln bringt, suchen Menschen darin nach Essen. Wir gehen vorüber, sehen weg, wohl wissend, dass wir gleich in einem klimatisierten Haus am Tisch, Kaffee, Wurst, Marmelade und sogar Nutella zum Frühstück essen. Währenddessen fängt die Haushaltshilfe an Wäsche zu bügeln, das Haus zu putzen oder abzuwaschen. 

Es ist absurd. Jeden Tag. Für 3 Wochen. Ich bin froh dort nicht für 18 Monate zu sein. Immer wieder dieser Gedanke. Zum Glück kannst du weg. Ist es Arroganz? Ist es Unsicherheit? Diese Fragen begleiten mich noch immer und eine Antwort finde ich wohl erst mit der Zeit, noch ist sie nicht da. 

Die Nettotüte dient dem selben Zweck wie mein Jutebeutel: Badesachen, Mückenspray, Sonnencreme, Brillen transportieren. Und doch, jeden Morgen, mein innerliches Kopfschütteln über diese Tüte. Über das zur Schau tragen eines Lebensmittelgeschäftes, das Produkte bereithält, die hier unerschwinglich sind. Aus einem Land, tausende Kilometer entfernt und mit uns dennoch präsent. dann dieser frühe schwüle Morgen, an dem mir klar wird, dass mein Jutebeutel der Bodelain Library nichts anderes ist als die Tüte: ein Symbol. Sind wir lebender Hohn für die Menschen hier?

Angolanische Beobachtungen I

Es ist wie eine Blase in der man lebt. So abgedroschen dieses Bild auch ist, trifft es zu. Die wenigen einheimischen Freundinnen junger und alter meist weißer Männer, sitzen nur da, sprechen kaum, spielen mit ihrem Handy. 

Es geht hoch her an diesem 1. Januar 2020 – eine lange Tafel steht auf der Dachterrasse und gut 20 Menschen kommen dort zusammen. Viele sind „richtige Männer“: Hafenarbeiter, Schweißer, Schlosser, Mechaniker. So sind denn auch die Themen: Frauen, warum die Menschen hier nicht arbeiten wollen würden und so weiter. Dazu gibt es Bier, Ricard und Wein.

Ich rede mit einem Rassisten, wende mich ab und spreche lange mit J., der mit 17 Jahren zur Fremdenlegion ging und dort Französisch lernte. Jetzt lebt er hier in Angola, mit Frau und Kindern. Hinter seinen Sprüchen und dem harten Getue scheint eine Emotionalität auf, die er nie öffentlich zeigen würde. 

Dieser Tag bleibt mir noch lange im Gedächtnis, weil diese Runde so verrückt ist, so entrückt. Ein französischer Apéro auf einem Dach in Angola. Einheimische sind nur Zuschauer. Es ist für mich eine Metapher dieses ganzen Lebens, in das ich hineinschauen darf. 

Nicht gemeinsam, aber ebenso nicht scharf getrennt. Hierarchie wird bewahrt und aufgehoben in unterschiedlichem Sinn. Die Männer, die hier Autos und Wohnungen gestellt bekommen, dazu ihren Lohn und Essensgeld, hätten all dies nicht in ihrer Heimat. Hier sind sie wer, dort wäre sie nur einfache Arbeiter. Niemand spricht es aus, aber ich in mir sicher, in jedem Kopf steckt auch das, es ist wohl auch ein Grund, warum viele hier selbst über Jahrzehnte bleiben. Die Welt nur durch eine Fensterscheibe wahrzunehmen erschrickt mich. Ich bin froh als ich dieser Blase wieder entfliehen konnte.

Selbstbetrug Mininmalismus?

Ist weniger wirklich mehr? In Büchern und Videos wird der Minimalismus gelobt als Lebensform für mehr Klarheit und Wohlbefinden. Doch macht das Weniger automatisch Glücklich? Eine kritische Reflexion.

Ich und der Minimalismus 

Die Idee, mit weniger auszukommen gefällt mir. Vieles von den Kram den ich besitze oder besaß geht bzw. ging mir auf die Nerven. Es stimmt: Viele Bücher, die in meinem Regal standen erinnerten mich daran, dass ich sie eigentlich mal lesen wollte; dabei wusste ich, ich hätte es niemals getan. Deswegen ist es gut, dass ich sie auf die Bücherschränke Hannovers verteilt habe. 

Außerdem gefällt mir die Optik unserer Wohnung besser, seitdem wir weniger vollgestellte Oberflächen haben. Unsere Wohnung ist weder leer noch kahl, tatsächlich ist die in meinen Augen etwas übersichtlicher und klarer. Gut, ich sehe mal von den mindestens 20 Leitzordnern ab, die gerade im Flur stehen, weil ich den Inhalte digitalisieren möchte. 

Ich habe zum Thema Minimalismus unzählige YouTube-Videos gesehen, Podcasts gehört und sogar mindestens 3 Bücher gelesen. Ich würde sagen, ich habe mir einen Überblick verschafft. 

Persönlich und politisch sehe ich große Möglichkeiten für diese Lebensart, stellt sie doch materielle Bedürfnisse nicht an erste Stelle – abgesehen von den Grundbedürfnissen, Illusionen sollten wir uns nicht machen. Ich denke, dieser Lebensstil könnte in eine nachhaltigere Moderne mit einer Post-Wachstumsökonomie passen. 

Das Versprechen der Minimalisten und gesellschaftliche Verhältnisse

Nun, ich bin eigentlich kein Anhänger von Harald Welzer oder Nico Paech. Ihre Ideen halte ich für wichtig, da sie laute Stimmen in einer neoliberalen Welt sind, deren Zukunft zusehends düsterer wird. Zumindest wirkt es momentan so. 

Mir geht es nicht speziell um die erwähnte beiden Modelle eines anderen Wirtschaften und Lebens, sie sind für mich nur Beispiele dafür, dass ein materiell reduzierter Lebensstil nicht weniger Lebensqualität bedeuten muss. Es kommt darauf an, wo wir verzichten, an welchen Stellen wir zurückstecken. Das wir uns einschränken müssen, steht eigentlich außer Frage, nur, dass wir dies verdrängen.

Der permanente Druck der sozialen Verhältnisse macht uns krank. Wir müssen arbeiten, um zu leben. Wir müssen konsumieren, um mitzuhalten. Das Höher, Weiter, Schneller ist schon längst zur Farce und Allgemeinplatz geworden. Leider ist die Wirklichkeit nicht vor Plattitüden geschützt und so geht es tatsächlich immer nur um den neuesten Scheiß. 

Rezensionen oder Reviews zu Geräten älterer Generationen sind praktisch nicht vorhanden oder es werden die allerersten iPhones usw. ausgepackt und angeschaut. Es dreht sich um die neuesten Smartphones, die neuen Laptops und Rechner; selbstverständlich sind die neuesten Geräte auch immer die besten jemals hergestellten der jeweiligen Firma – es wäre auch irgendwie dumm, wenn nicht. 

Um mit immer mehr Druck, sei es durch angeheizten Konsum von Luxusgütern (ja, das sind die neuesten Smartphones!) oder aber die gesteigerten Anforderungen an Mobilität und Erreichbarkeit im Beruf und Privat umzugehen, gibt es den ganzen Bereich der Selbsthilfe. Das ist ein Segment, bei dem uns Menschen erzählen wie wir uns am Besten gute Gewohnheiten antrainieren, wie wir meditieren können gegen den Stress oder wie wir mittels Minimalismus besser klar kommen. Ein sehr guter und kritischer Blick auf das Thema Meditieren wirft auch dieser Artikel im englischsprachigen The Guardian.

Minimalismus verspricht uns auch deshalb mehr Klarheit, mehr Ruhe, damit wir uns ausruhen und besser bei der Arbeit performen. Er beruhigt unsere Gemüter. Er ist Trend. Viele YouTuber testen es mal aus, schmeißen weg, entrümpeln, kaufen neue stylische Dinge für die Wohnung. Nächstes Jahr, spätestens, gibt es einen neuen Trend und der nachhaltige Aspekt des Minimalismus verschwindet auf nimmer wieder sehen. 

Wer wird damit wirklich glücklicher?

Das Versprechen, uns geht es automatisch besser, wenn wir Dinge aus unserem Leben schaffen, löst der Minimalismus ein. Es ist aber nur ein kurzes Gefühl der Befriedigung, ein quick fix. 

Ist die Wohnung aufgeräumt, der Ballast über Bord geworfen, ändert sich: nichts. Haben wir durch aufräumen unsere innere Einstellung gegenüber Luxuskonsum, Konkurrenz und unserer zerstörerischen Wirtschaftsweise geändert? Wohl kaum. Wie auch, davon hat man uns ja nichts gesagt. 

Leider.

Unsere beruflichen, privaten und sozialen Probleme werden sich nicht lösen, nur weil unsere Zimmer leerer sind oder weil wir nun „achtsamer“ mit unserer Zeit umgehen und morgens vor der Arbeit meditieren, um den Chef nicht zu boxen und nachmittags nicht fernsehen sondern lesen, in der Illusionen, diese Art der Bildung hilft uns, eine andere Arbeitsstelle zu finden. Bestimmte, populäre Formen des Minimalismus lassen uns ebenso vereinzeln wie bestimmte formen der Selbsthilfe. 

Ich bin überzeugt, dass uns diese neuen Reflexionsformen uns helfen können in einem sozialen Kampf für bessere Lebensbedingungen. Doch dazu müssen wir die Vereinzelung überwinden. Dafür müssen wir aufhören zu denken, dass wir alle Probleme alleine lösen können oder, dass sich unsere Probleme durch das Aufräumen lösen. Manchmal müssen wir solidarisch zueinander stehen und laut sagen: Diese Arbeitsbedingungen sind ein gesellschaftliches Problem, die Gesellschaft produziert Probleme, die wir als Gesellschaft lösen müssen.

Fazit

Minimalismus kann einigen Menschen helfen psychologischen Balast abzuwerfen. Er hilft tatsächlich etwas mehr Klarheit zu gewinnen. Unsere Probleme wird er aber nicht lösen, sondern nur wir. Da viele psychische Belastungen auf soziale Verhältnisse zurückzuführen sind, sollten wir nicht versuchen diese allein durch Selbstoptimierung zu lösen, sondern solidarisch in der Gemeinschaft. Das ist auch die Kraft, die in Ideen wie Minimalismus und Achtsamkeit stecken, wir müssen ihr solidarisches, gesellschaftliches und revolutionäres Potential herausarbeiten und stärken! Gehen wir es an.