Haus|manns|kost — Streifzüge durchs Innere und Äußere

SchlagwortAngola

Angolanische Betrachtungen III

Armut ist abzuschaffen. Darin sind wir uns wohl einig. Wahrscheinlich nicht, denn nur mit der Armut der einen haben wir unser Leben begründet. Egal ob lokal, regional oder global. Das Prinzip ist immer dasselbe. Trotz des Fahrstuhleffektes. 

Wir kennen Armut. Wir sehen sie, in der Stadt und auf dem Land. Wir sehen Menschen im Mülleimer suchen. Doch die Art von Armut, die ich aus dem Auto heraus sehe, an der ich vorübergehe, habe ich so noch nicht gesehen. Die theoretischen Modelle relativer und absoluter Armut sind Begriffe. Abstrakte Gebilde um etwas zu beschreiben, dass die meisten, die sie benutzen nie erfahren haben. Mich eingeschlossen. Hier, vor meinen Augen, das ist absolute Armut, im wahrsten Sinne des Wortes Müll essen. Der Armut ausgelieferte Menschen, offenbar ohne Hilfesysteme. Armut, die ich, die wir mit produziert haben. In Geschichte und Gegenwart. Es ist so leicht zu verdrängen. Es tut gut, es zu verdrängen. Doch bahnt sich der Gedanken seinen Weg immer wieder in das Bewusstsein. Jetzt noch direkter, physischer, klarer als jemals zuvor.

Angolanische Beobachtungen II

Während wir am frühen Morgen über die leere Straße an der Bucht entlang gehen, fällt mir auf, dass in dieser schwülen Hitze, mein Jutebeutel nur die Hipstervariante der Nettotüte meiner Eltern ist. Während die Sonne die Abfälle im Container nur Gammeln bringt, suchen Menschen darin nach Essen. Wir gehen vorüber, sehen weg, wohl wissend, dass wir gleich in einem klimatisierten Haus am Tisch, Kaffee, Wurst, Marmelade und sogar Nutella zum Frühstück essen. Währenddessen fängt die Haushaltshilfe an Wäsche zu bügeln, das Haus zu putzen oder abzuwaschen. 

Es ist absurd. Jeden Tag. Für 3 Wochen. Ich bin froh dort nicht für 18 Monate zu sein. Immer wieder dieser Gedanke. Zum Glück kannst du weg. Ist es Arroganz? Ist es Unsicherheit? Diese Fragen begleiten mich noch immer und eine Antwort finde ich wohl erst mit der Zeit, noch ist sie nicht da. 

Die Nettotüte dient dem selben Zweck wie mein Jutebeutel: Badesachen, Mückenspray, Sonnencreme, Brillen transportieren. Und doch, jeden Morgen, mein innerliches Kopfschütteln über diese Tüte. Über das zur Schau tragen eines Lebensmittelgeschäftes, das Produkte bereithält, die hier unerschwinglich sind. Aus einem Land, tausende Kilometer entfernt und mit uns dennoch präsent. dann dieser frühe schwüle Morgen, an dem mir klar wird, dass mein Jutebeutel der Bodelain Library nichts anderes ist als die Tüte: ein Symbol. Sind wir lebender Hohn für die Menschen hier?

Angolanische Beobachtungen I

Es ist wie eine Blase in der man lebt. So abgedroschen dieses Bild auch ist, trifft es zu. Die wenigen einheimischen Freundinnen junger und alter meist weißer Männer, sitzen nur da, sprechen kaum, spielen mit ihrem Handy. 

Es geht hoch her an diesem 1. Januar 2020 – eine lange Tafel steht auf der Dachterrasse und gut 20 Menschen kommen dort zusammen. Viele sind „richtige Männer“: Hafenarbeiter, Schweißer, Schlosser, Mechaniker. So sind denn auch die Themen: Frauen, warum die Menschen hier nicht arbeiten wollen würden und so weiter. Dazu gibt es Bier, Ricard und Wein.

Ich rede mit einem Rassisten, wende mich ab und spreche lange mit J., der mit 17 Jahren zur Fremdenlegion ging und dort Französisch lernte. Jetzt lebt er hier in Angola, mit Frau und Kindern. Hinter seinen Sprüchen und dem harten Getue scheint eine Emotionalität auf, die er nie öffentlich zeigen würde. 

Dieser Tag bleibt mir noch lange im Gedächtnis, weil diese Runde so verrückt ist, so entrückt. Ein französischer Apéro auf einem Dach in Angola. Einheimische sind nur Zuschauer. Es ist für mich eine Metapher dieses ganzen Lebens, in das ich hineinschauen darf. 

Nicht gemeinsam, aber ebenso nicht scharf getrennt. Hierarchie wird bewahrt und aufgehoben in unterschiedlichem Sinn. Die Männer, die hier Autos und Wohnungen gestellt bekommen, dazu ihren Lohn und Essensgeld, hätten all dies nicht in ihrer Heimat. Hier sind sie wer, dort wäre sie nur einfache Arbeiter. Niemand spricht es aus, aber ich in mir sicher, in jedem Kopf steckt auch das, es ist wohl auch ein Grund, warum viele hier selbst über Jahrzehnte bleiben. Die Welt nur durch eine Fensterscheibe wahrzunehmen erschrickt mich. Ich bin froh als ich dieser Blase wieder entfliehen konnte.