Angolanische Betrachtungen III

Armut ist abzuschaffen. Darin sind wir uns wohl einig. Wahrscheinlich nicht, denn nur mit der Armut der einen haben wir unser Leben begründet. Egal ob lokal, regional oder global. Das Prinzip ist immer dasselbe. Trotz des Fahrstuhleffektes. 

Wir kennen Armut. Wir sehen sie, in der Stadt und auf dem Land. Wir sehen Menschen im Mülleimer suchen. Doch die Art von Armut, die ich aus dem Auto heraus sehe, an der ich vorübergehe, habe ich so noch nicht gesehen. Die theoretischen Modelle relativer und absoluter Armut sind Begriffe. Abstrakte Gebilde um etwas zu beschreiben, dass die meisten, die sie benutzen nie erfahren haben. Mich eingeschlossen. Hier, vor meinen Augen, das ist absolute Armut, im wahrsten Sinne des Wortes Müll essen. Der Armut ausgelieferte Menschen, offenbar ohne Hilfesysteme. Armut, die ich, die wir mit produziert haben. In Geschichte und Gegenwart. Es ist so leicht zu verdrängen. Es tut gut, es zu verdrängen. Doch bahnt sich der Gedanken seinen Weg immer wieder in das Bewusstsein. Jetzt noch direkter, physischer, klarer als jemals zuvor.

Deutschland. Und sonst so?

Die Tram öffnet zäh ihre Türen. Noch bevor sie ganz geöffnet sind, schlüpfe ich heraus. Meine Füße machen Schritt für Schritt und bringen mich über die Straße. Ich gehe auf den Kopfsteinpflasterstraßen auf den Neuen Markt zu. 

Es ist ein Weg, den ich gut kenne. Hier ging ich Monate zur Arbeit. Durch den Torbogen, klingeln, guten Morgen sagen und ins Anwesenheitsbuch eintragen. Dann wieder hinunter ins Büro. Es war Alltag. Es war schön – gute Arbeit, noch bessere Kolleg_innen. 

Nach langer Zeit, gehe ich wieder den Weg. Meine Füße kennen ihn und folgen dem alten Automatismus. Doch dieses Mal irritiert mich etwas aus den Augenwinkel. Nur einen Moment. Dann ordne ich ein und denke mir nicht mehr viel dabei. Schade ist es dennoch.

Oben treffe ich eine ehemalige Kollegin. Wir unterhalten uns, wie es geht, wie die Projekte stehen. „Und sonst so? Was gibts neues?“ Ihr Kopf nickt durch die Jalousien nach draußen. „Naja, sie stehen jetzt hier, 24 Stunden am Tag.“ Die Verwaltungsmitarbeiterin bringt nun regelmäßig Kaffee nach draußen und hält ein kurzes Schwätzchen. 

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