Deutschland. Und sonst so?

Die Tram öffnet zäh ihre Türen. Noch bevor sie ganz geöffnet sind, schlüpfe ich heraus. Meine Füße machen Schritt für Schritt und bringen mich über die Straße. Ich gehe auf den Kopfsteinpflasterstraßen auf den Neuen Markt zu. 

Es ist ein Weg, den ich gut kenne. Hier ging ich Monate zur Arbeit. Durch den Torbogen, klingeln, guten Morgen sagen und ins Anwesenheitsbuch eintragen. Dann wieder hinunter ins Büro. Es war Alltag. Es war schön – gute Arbeit, noch bessere Kolleg_innen. 

Nach langer Zeit, gehe ich wieder den Weg. Meine Füße kennen ihn und folgen dem alten Automatismus. Doch dieses Mal irritiert mich etwas aus den Augenwinkel. Nur einen Moment. Dann ordne ich ein und denke mir nicht mehr viel dabei. Schade ist es dennoch.

Oben treffe ich eine ehemalige Kollegin. Wir unterhalten uns, wie es geht, wie die Projekte stehen. „Und sonst so? Was gibts neues?“ Ihr Kopf nickt durch die Jalousien nach draußen. „Naja, sie stehen jetzt hier, 24 Stunden am Tag.“ Die Verwaltungsmitarbeiterin bringt nun regelmäßig Kaffee nach draußen und hält ein kurzes Schwätzchen. 

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Angolanische Beobachtungen II

Während wir am frühen Morgen über die leere Straße an der Bucht entlang gehen, fällt mir auf, dass in dieser schwülen Hitze, mein Jutebeutel nur die Hipstervariante der Nettotüte meiner Eltern ist. Während die Sonne die Abfälle im Container nur Gammeln bringt, suchen Menschen darin nach Essen. Wir gehen vorüber, sehen weg, wohl wissend, dass wir gleich in einem klimatisierten Haus am Tisch, Kaffee, Wurst, Marmelade und sogar Nutella zum Frühstück essen. Währenddessen fängt die Haushaltshilfe an Wäsche zu bügeln, das Haus zu putzen oder abzuwaschen. 

Es ist absurd. Jeden Tag. Für 3 Wochen. Ich bin froh dort nicht für 18 Monate zu sein. Immer wieder dieser Gedanke. Zum Glück kannst du weg. Ist es Arroganz? Ist es Unsicherheit? Diese Fragen begleiten mich noch immer und eine Antwort finde ich wohl erst mit der Zeit, noch ist sie nicht da. 

Die Nettotüte dient dem selben Zweck wie mein Jutebeutel: Badesachen, Mückenspray, Sonnencreme, Brillen transportieren. Und doch, jeden Morgen, mein innerliches Kopfschütteln über diese Tüte. Über das zur Schau tragen eines Lebensmittelgeschäftes, das Produkte bereithält, die hier unerschwinglich sind. Aus einem Land, tausende Kilometer entfernt und mit uns dennoch präsent. dann dieser frühe schwüle Morgen, an dem mir klar wird, dass mein Jutebeutel der Bodelain Library nichts anderes ist als die Tüte: ein Symbol. Sind wir lebender Hohn für die Menschen hier?

Angolanische Beobachtungen I

Es ist wie eine Blase in der man lebt. So abgedroschen dieses Bild auch ist, trifft es zu. Die wenigen einheimischen Freundinnen junger und alter meist weißer Männer, sitzen nur da, sprechen kaum, spielen mit ihrem Handy. 

Es geht hoch her an diesem 1. Januar 2020 – eine lange Tafel steht auf der Dachterrasse und gut 20 Menschen kommen dort zusammen. Viele sind „richtige Männer“: Hafenarbeiter, Schweißer, Schlosser, Mechaniker. So sind denn auch die Themen: Frauen, warum die Menschen hier nicht arbeiten wollen würden und so weiter. Dazu gibt es Bier, Ricard und Wein.

Ich rede mit einem Rassisten, wende mich ab und spreche lange mit J., der mit 17 Jahren zur Fremdenlegion ging und dort Französisch lernte. Jetzt lebt er hier in Angola, mit Frau und Kindern. Hinter seinen Sprüchen und dem harten Getue scheint eine Emotionalität auf, die er nie öffentlich zeigen würde. 

Dieser Tag bleibt mir noch lange im Gedächtnis, weil diese Runde so verrückt ist, so entrückt. Ein französischer Apéro auf einem Dach in Angola. Einheimische sind nur Zuschauer. Es ist für mich eine Metapher dieses ganzen Lebens, in das ich hineinschauen darf. 

Nicht gemeinsam, aber ebenso nicht scharf getrennt. Hierarchie wird bewahrt und aufgehoben in unterschiedlichem Sinn. Die Männer, die hier Autos und Wohnungen gestellt bekommen, dazu ihren Lohn und Essensgeld, hätten all dies nicht in ihrer Heimat. Hier sind sie wer, dort wäre sie nur einfache Arbeiter. Niemand spricht es aus, aber ich in mir sicher, in jedem Kopf steckt auch das, es ist wohl auch ein Grund, warum viele hier selbst über Jahrzehnte bleiben. Die Welt nur durch eine Fensterscheibe wahrzunehmen erschrickt mich. Ich bin froh als ich dieser Blase wieder entfliehen konnte.