Angolanische Beobachtungen II

Während wir am frühen Morgen über die leere Straße an der Bucht entlang gehen, fällt mir auf, dass in dieser schwülen Hitze, mein Jutebeutel nur die Hipstervariante der Nettotüte meiner Eltern ist. Während die Sonne die Abfälle im Container nur Gammeln bringt, suchen Menschen darin nach Essen. Wir gehen vorüber, sehen weg, wohl wissend, dass wir gleich in einem klimatisierten Haus am Tisch, Kaffee, Wurst, Marmelade und sogar Nutella zum Frühstück essen. Währenddessen fängt die Haushaltshilfe an Wäsche zu bügeln, das Haus zu putzen oder abzuwaschen. 

Es ist absurd. Jeden Tag. Für 3 Wochen. Ich bin froh dort nicht für 18 Monate zu sein. Immer wieder dieser Gedanke. Zum Glück kannst du weg. Ist es Arroganz? Ist es Unsicherheit? Diese Fragen begleiten mich noch immer und eine Antwort finde ich wohl erst mit der Zeit, noch ist sie nicht da. 

Die Nettotüte dient dem selben Zweck wie mein Jutebeutel: Badesachen, Mückenspray, Sonnencreme, Brillen transportieren. Und doch, jeden Morgen, mein innerliches Kopfschütteln über diese Tüte. Über das zur Schau tragen eines Lebensmittelgeschäftes, das Produkte bereithält, die hier unerschwinglich sind. Aus einem Land, tausende Kilometer entfernt und mit uns dennoch präsent. dann dieser frühe schwüle Morgen, an dem mir klar wird, dass mein Jutebeutel der Bodelain Library nichts anderes ist als die Tüte: ein Symbol. Sind wir lebender Hohn für die Menschen hier?

Angolanische Beobachtungen I

Es ist wie eine Blase in der man lebt. So abgedroschen dieses Bild auch ist, trifft es zu. Die wenigen einheimischen Freundinnen junger und alter meist weißer Männer, sitzen nur da, sprechen kaum, spielen mit ihrem Handy. 

Es geht hoch her an diesem 1. Januar 2020 – eine lange Tafel steht auf der Dachterrasse und gut 20 Menschen kommen dort zusammen. Viele sind „richtige Männer“: Hafenarbeiter, Schweißer, Schlosser, Mechaniker. So sind denn auch die Themen: Frauen, warum die Menschen hier nicht arbeiten wollen würden und so weiter. Dazu gibt es Bier, Ricard und Wein.

Ich rede mit einem Rassisten, wende mich ab und spreche lange mit J., der mit 17 Jahren zur Fremdenlegion ging und dort Französisch lernte. Jetzt lebt er hier in Angola, mit Frau und Kindern. Hinter seinen Sprüchen und dem harten Getue scheint eine Emotionalität auf, die er nie öffentlich zeigen würde. 

Dieser Tag bleibt mir noch lange im Gedächtnis, weil diese Runde so verrückt ist, so entrückt. Ein französischer Apéro auf einem Dach in Angola. Einheimische sind nur Zuschauer. Es ist für mich eine Metapher dieses ganzen Lebens, in das ich hineinschauen darf. 

Nicht gemeinsam, aber ebenso nicht scharf getrennt. Hierarchie wird bewahrt und aufgehoben in unterschiedlichem Sinn. Die Männer, die hier Autos und Wohnungen gestellt bekommen, dazu ihren Lohn und Essensgeld, hätten all dies nicht in ihrer Heimat. Hier sind sie wer, dort wäre sie nur einfache Arbeiter. Niemand spricht es aus, aber ich in mir sicher, in jedem Kopf steckt auch das, es ist wohl auch ein Grund, warum viele hier selbst über Jahrzehnte bleiben. Die Welt nur durch eine Fensterscheibe wahrzunehmen erschrickt mich. Ich bin froh als ich dieser Blase wieder entfliehen konnte.

Zwischen Alltag und Ausnahmezustand

Der persönliche Blick auf Israel ist ein verlockendes Angebot des ehemaligen ARD Studioleiters und Chefkorrespondenten in Israel, Richard C. Schneider. Ganze neun Jahre verbrachte und berichtete Schneider in dem kleinen Land zwischen Jordan und Mittelmeer. Doch liefert er uns einen Blick, der sich von den einführenden und beschreibenden Bücher über Israel unterscheidet?

Richard C. Schneider: Korrespondent

Das Vorwort habe ich begeistert gelesen. Es ist für mich ein frischer und persönlicher Blick. Diese Perspektive jenseits des abwägenden und an viele Konventionen gebundenen Journalisten habe ich in diesem Buch erwartet. Richard Chaim Schneider, Kind von Holocaustüberlebenden, war von 2009 bis 2015 Korrespondent der ARD in Israel. Ich habe viele seiner Beiträge gesehen und mich hin und wieder gewundert. Mal fand ich etwas zu einseitig, mal etwas zu wenig drängend. Insgesamt allerdings hatte ich den Eindruck, dass Schneider ein kritischer Journalist ist, der zwar abwägend aber dennoch kritisch berichtete. Diese Perspektive habe ich sehr geschätzt. Daher fand ich es schade, als er, der Politik der ARD folgend, 2015 nach Rom geschickt wurde. Für die Israelberichterstattung war dies ein Bärendienst.

Umso mehr hat mich die Ankündigung seines Buches gefreut, nun könnte ich seine Sicht der Dinge kennen lernen. Das ist auch möglich. Aber… Dieses aber hat mich etwas hadern lassen. Schneider führt viele sehr grundlegende Themen ein und erklärt viele basale Dinge zu Israel. Schneider und sein Verlag müssen wohl davon ausgehen, dass sein Buch von Menschen gelesen wird, die von Israel keine oder wenig Ahnung haben.

Allgemeinheiten

Nach einer Einführung zu „den Israelis“, den prägenden Traumata und Charakteristika geht Schneider auf 4 große Themen ein. Er spricht erstens über gesellschaftliche Verwerfungen, zweitens über Benjamin Netanjahu, drittens über die Palästinenser und viertens über Antisemitismus. Die Gliederung ist mir einerseits klar, andererseits habe ich mich teilweise gefragt, wieso bestimmte Abschnitte Eingang in sein Buch fanden, da sie nicht seinen Blick auf Israel wiedergaben oder ich habe es nicht verstanden. Insbesondere beim Kapitel zum Antisemitismus ist mir dies aufgefallen. Es ist ein wichtiges Thema, doch fehlte mir manchmal der Rückbezug zu seiner Tätigkeit als Journalist und wie dies mit seiner Perspektive auf Israel zu tun hat. Das Kapitel berichtet über die BDS-Bewegung, über linken und auch bürgerlichen Antisemitismus. Räumlich liegt der Fokus hier auf Europa. Gerade hier fehlt mir die Verbindung zum Versprechen, Richard Schneiders Blick auf Israel zu lesen.  Deshalb liest sich das Buch streckenweise eher wie Schneiders Buch zum Thema Israel. Es könnte ein Vermarktungsproblem sein. Schade ist es dennoch. Denn inhaltlich ist es gut und gehaltvoll was Schneider beschreibt.

Moderne und Tradition

© DVA / Random House

In seinem Kapitel zu den gesellschaftlichen Trennunglinien geht er auf Jerusalem und Tel Aviv ein und auf die Gleichzeitigkeit von „Steinzeit und Start-up“. Dabei wird Jerusalem als religiöse Stadt gezeichnet, in der eine religiöse „vor-moderne“ Lebensweise vorherrscht. Tel Aviv wird als dessen Gegenteil präsentiert: Offen, modern, jung und hipp. Schneider hat das Thema wirklich spannend aufbereitet, aber es gibt schon seit Mitte der 1990er Bücher zum Thema Gleichzeitigkeit von „Moderne und Tradition“. Ein bekanntes Beispiel dafür wäre Jihad vs. McWorld von Benjamin Barber. Und für Israel hat dies der Soziologe Uri Ram in The Globalisation of Israel: McWorld in Tel Aviv, Jihad in Jerusalem 2008 vorgeführt.

Insofern sind Schneider Ausführungen zwar wirklich gut zu lesen, übrigens auch eine Stärke des Buches, doch für eine Einführung in die israelische Geschichte oder Gesellschaft sind dann doch andere Bücher zu empfehlen (Bspw. Air Shavits Mein gelobtes Land oder Natan Sznaiders Buch zur israelischen Gesellschaft. Für die sehr Interessierten gäbe es auch noch das Handbook of Israel).

Schneider schafft es dennoch regelmäßig seine Geschichten einzuweben, die das m.E. Altbekannte gut oder manchmal auch neu illustrieren. So bringt er auch Aspekte für erfahrenere Lesende zum Thema ein. Außerdem und das ist erstaunlich, bezieht Schneider klar Stellung und „outet“ sich als (links-)liberaler Autor. Das wird insbesondere deutlich, wenn er seiner Angst um die israelischen Demokratie Ausdruck verleiht. Insbesondere das rechte Establishment, die säkularen Rechten wie Ministerpräsident Netanjahu hält er für Gefährder der Demokratie.

Benjamin Netanjahu

Überhaupt Netanjahu. Schneider widmet dem aktuellen Ministerpräsidenten ein ganzes Kapitel. Dies macht deutlich für wie wirkmächtig und auch gefährlich Schneider ihn hält. Darüberhinaus begleitete Netanjahu Schneider oder Schneider Netanjahu, ganz nach Standpunkt, in seiner gesamten Zeit als Korrespondent.

In seinem Kapitel zu Netanjahu bezieht Schneider klar Stellung. Deutlicher als er es als Korrespondent je getan hätte. Doch trifft er einen Nerv. Insbesondere Schneiders Hinweis auf das ideologische Umfeld, vor allem die Prägung durch seinen Vater Benzion Netanjahu, auf den in der sonstigen Literatur äußerst selten verwiesen wird. Es ist momentan wohl eine der treffendsten Analysen Netanjahus, die wir auf deutsch lesen können. Schneiders Einschätzungen, kann ich in der Regel nur zustimmen.

Schneider gibt uns also tatsächlich seine Perspektive auf Israel. Er reichert sie mit (mehr oder weniger) bekanntem Hintergrundwissen an. Wirklich spannend für mich war es immer dann, wenn Schneider erzählt, aus seinem Leben, aus seiner Praxis. Hier liegen die deutlichen Stärken des Buches.

Fazit

Richard C. Schneider legt ein spannendes Buch vor, das aber nicht immer hält was es verspricht. Oft ist es ein allgemeines Buch zu Israel, ohne das immer klar wird, wozu diese allgemeinen Ausführungen dienen. Manchmal schweift Schneider ab. Doch wirft das Buch einen guten Blick nicht nur auf Israel, sondern auch auf die deutsche Gesellschaft mit ihrem verdeckten Antisemitismus und auf die Arbeit eines Journalisten vor Ort. Besonders beeindruckend, aber v.a. wichtig ist das letzte Kapitel zum Thema: „Kann man als Jude überhaupt objektiv über Israel berichten? Ein sehr deutsches Problem.“ Hier räumt Schneider einerseits mit den Vorurteilen auf, die ihm immer wieder begegnet sind und benennt diese auch. Andererseits schweift Schneider in der Hälfte des Kapitels ab und es wird zunehmend zu einem Abschluss bzw. Fazit.

Doch die Klarheit von Schneiders Worten in diesem letzten Kapitel sind erfrischend und sollten auch viele Kolleg_innen im Journalismus erreichen.

Wer sich also für Israel und insbesondere für die Einschätzung eines langjährigenKorrespondenten vor Ort interessiert, sollte dieses Buch auf jeden Fall lesen. Trotz kleiner Kritik ist es zu empfehlen.

Richard C. Schneider: Alltag im Ausnahmezustand. Mein Blick auf Israel. DVA Sachbuch, 304 Seiten. ISBN: 978-3-421-04329-0.